Alpencross 2015

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Video und Reisebericht

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Zielsetzung

Ende 2014 hatte ich einen verrückten Einfall, der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Ich hatte Lust darauf, etwas Neues auszuprobieren. Dabei kam ich auf den Gedanken, dass es doch spannend wäre, einmal eine Transalp mit einem Mountainbike zu versuchen, das man irgendwo kostenlos oder für weniger als 50 Euro auftreiben kann. Die moderne Bike-Technik bietet bekanntermaßen allerlei Vorteile, auf die ich dadurch verzichten müsste:

  • Federelemente vorne und hinten, die harte Stöße abfangen, dem Bike mehr Bodenhaftung geben und das Trailfahren zum Vergnügen werden lassen.
  • Eine moderne Rahmengeometrie weg vom früheren Rennrad-/Tourenradeinfluss hin zur echten Bergtauglichkeit.
  • Moderne Hydraulik-Bremsanlagen, die ein extrem effektives Bremsen mit geringem Kraftverlust ermöglichen.
  • Präzise gefertigte Carbon- und Aluminiumteile für maximale Stabilität und Gewichtsersparnis.
  • Verbesserte Schaltungskomponenten für mehr Gänge, feinere Gangabstufungen und einfacheres Schalten.
  • Seit Kurzem einen größeren Felgendurchmesser, dessen Nutzen ich jedoch für fraglich halte.

Ich dachte mir es wäre interessant zu testen, ob ich ohne all das auskommen kann und mit welchen Einschränkungen ich unter diesen Umständen meine Lieblings-Alpencrossroute von 2010 wiederholen könnte. Es dauerte nicht lange, bis ich ein Bike vor seinem tragischen Schicksal auf dem Recyclinghof retten konnte. Es handelte sich um ein altes Stahl-Mountainbike der Marke Peugeot aus dem Jahr 1991. Ich machte mich daran, diesen Oldtimer komplett zu zerlegen um zu sehen, ob er noch zu retten war. Nach einer Generalüberholung, die mich ca. 300 Euro und etliche Stunden Arbeit kostete, war ich im Besitz eines transalptauglichen MTB-Klassikers mit 14 Gängen, Cantileverbremsen und ohne jegliche Federung.

Mein Ziel war es, mit diesem Bike eine anspruchsvolle Alpenüberquerung zu meistern. Wie immer legte ich auf einen geringen Asphalt- und einen hohen Trailanteil wert. Ich würde keinen festen Zeitplan haben, sondern unterwegs komplett flexibel sein. Ich rechnete mit einer Zeitdauer von ungefähr 7-8 Tagen.

Abgesehen von meinem Retro-Mountainbike würde ich wieder meine typische minimalistische Ausrüstung mitnehmen. Dennoch würde der Rucksack auf einem ungefederten Bike mit Sicherheit eine große Belastung sein. Ich musste darauf achten, dass Werkzeug und Ersatzteile zu dem neuen alten Bike passten. Da ich die Strecke bereits kannte, wollte ich keine Übernachtungen buchen sondern im Notfall biwakieren.

Die Route

Mit der Routenplanung musste ich kaum Zeit verbringen, weil ich mich stark an der Route orientierte, die ich im Jahr 2010 schon gefahren war. Ich wollte allerdings ein paar Verbesserungen vornehmen. Startpunkt ist Füssen, mein Ziel ist der Gardasee. Es würde hoch zum Ötztaler Gletscher gehen, ich wollte auf jeden Fall wieder das Niederjoch, das Tarscher Joch, das Rabbijoch und den Tremalzo überqueren. Eventuell würde ich unterwegs ein paar kleinere Routenänderungen vornehmen, je nachdem wieviel Kraft- und Energiereserven ich haben werde.

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Die Alpenüberquerung beginnt in Füssen. Vom Bahnhof führt die Strecke nach Hohenschwangau und dann direkt hoch zum Schloss Neuschwanstein. Die Straße zieht sich weiter hoch bis in die Bleckenau, bevor es über den Schützensteig hinunter zum Plansee geht. Vorbei am Heiterwanger See fahre ich nach Bichlbach, Lähn, Lermoos und Ehrwald, dann ein Stück auf der Via Claudia Augusta hoch zum Fernpass. Eine rasante Abfahrt endet unten in Fernstein.

Von Fernstein folgt man dem Gurgltal über Nassereith bis auf die Höhe von Imst. Es geht jedoch nicht durch Imst hindurch, sondern oberhalb durch Karres nach Roppen, wo ich den Inn überquere und durch Sautens nach Ötz ins Ötztal abzweige. Hier führt der Weg größtenteils abseits der stark befahrenen Bundesstraße nach Tumpen, Längenfeld und schließlich bis Sölden.

Die Giggijoch-Seilbahn transportiert mich direkt 900 Höhenmeter schweißfrei nach oben bis Hochsölden (2280 m). Von hier geht es auf einem Schotterweg weiter bis zur Rotkogelhütte auf 2650 m. Es folgt eine kurze Abfahrt bis zur Ötztaler Gletscherstraße, der man dann weiter bergauf folgt bis zum Rettenbachferner und dann durch den Rosi-Mittermaier-Tunnel zum Tiefenbachferner. Von hier aus führt der sehr anspruchsvolle und nur teilweise fahrbare Venter Höhenweg nach Vent.

Ein langer Karrenweg bringt mich bis zur Martin-Busch-Hütte auf 2500 m. Ab hier muss größtenteils geschoben und getragen werden, bis ich die Similaunhütte (Niederjoch) auf über 3000 m erreiche. Ein schwieriger Pfad mündet bald in einen sehr anspruchsvollen Trail, der zum Vernagter Stausee hinabführt. Der Alpenhauptkamm ist überwunden! Es geht teilweise abseits der Straße durch das Schnalstal hinunter nach Staben. Dann folge ich ein kurzes Stück der Via Claudia entlang der Etsch bis Kastelbell, bevor es auf Nebenstraßen durch Apfelplantagen nach Tarsch geht. Es folgt ein letzter langer Anstieg bis zur Tarscher Alm auf etwa 1900 m.

Zum Tarscher Joch auf 2520 muss das Bike geschoben und getragen werden. Dann führt ein sehr schwieriger und teilweise kaum fahrbarer Trail bergab vorbei an der Kuppelwieser Alm bis zur Steinrast Alm. Hier zweigt ein Waldweg ab, der mich über St. Moritz auf den Ultener Höfeweg bringt, dem ich bis St. Nikolaus folge. Das restliche Stück bis St. Gertraud muss man leider auf einer befahrenen Straße zurücklegen. Die nächste Hürde ist das Rabbijoch (2450 m). Um es zu bezwingen radelt man das Kirchbergtal hoch bis zur Kirchberg Alm, danach muss größtenteils geschoben werden. Der lange Trail führt von der Haselgruber Hütte bergab nach Piazzola im Rabbi-Tal.

Nach einer rasanten Abfahrt auf der Landstraße nach Malé geht es weiter nach Dimaro, wo der Dolomiti di Brenta Bike Trail ins Brenta-Gebiet abzweigt. Nun folgt ein lang gezogener Waldweg mit konstanter und teilweise saftiger Steigung bis nach Campo di Carlo Magno auf 1650 m.

Nach Madonna di Campiglio kann man auf einem Singletrail durch den Wald abfahren und erreicht S. Antonio di Mavignola. Der nun anstehende gut ausgebaute Radweg bringt mich zügig durch das Val di Sole vorbei an Pinzolo und Spiazzo bis Tione di Trento. Es folgt eine kurze Steigung bei Bolbeno, dann eine interessante Trailabfahrt und ein wunderschöner Wanderweg durch das Flusstal, bevor ich Bondo erreiche. Dann wird die Fahrt auf dem Radweg über Roncone nach Lardaro fortgesetzt, wo es wieder lang und steil auf einer kaum befahrenen Straße bergauf geht. Ein Stück oberhalb von Deserta geht die Straße in einen Wanderweg über, der anfangs sehr steil und unwegsam ist. Auf 1600 m jedoch zieht sich der Pfad größtenteils entlang der Isohypse bis zum Bocca Giumella. Eine bremsbelagtötende Asphaltabfahrt endet schließlich in Tiarno.

Es folgt eine lange und zähe Steigung auf einer Straße hoch bis zum Rifugio Garda am Tremalzo auf 1700 m, die man am besten in den frühen Morgenstunden hinter sich bringt, um möglichst wenig von Autos belästigt zu werden. Es folgt eine der wohl malerischsten und abwechslungsreichsten Mounainbike-Strecken mit ein paar wenigen knackigen Gegenanstiegen, die über den Passo Nota zum Passo Rochetta und dann durch Pregasina und über die Via Ponale hinunter nach Riva del Garda am Gardasee führt.

Gesamtstrecke: 385 km
Gesamtanstieg: 13.600 Hm

Geplant waren sieben Etappen. Ich habe jedoch nur sechs Tagesetappen gebraucht, auf welchen ich durchschnittlich etwa 2270 Hm und 65 km pro Etappe zurückgelegt habe.

Die Route ist an den meisten Passübergängen sehr anspruchsvoll, kräftezehrend und schwierig. Die Abfahrten über den Venter Höhenweg, den Similaun nach Vernagt und vom Tarscher Joch abwärts stellen selbst für erfahrene Enduro-Biker eine Herausforderung dar. Die Abfahrt vom Rabbijoch ist im Vergleich dazu ein Kinderspiel. Der Venter Höhenweg und auch ein paar Passagen am Similaun sind außerdem ausgesetzt. Hier ist Schwindelfreiheit erforderlich! Ich empfehle nicht, diese Route nachzufahren. Ein durchschnittlicher Mountainbiker wird auf den genannten Abschnitten keinen Spaß haben und größtenteils bergab schieben müssen.

Rückreise

Um möglichst flexibel zu bleiben und vor allem um mich nicht unter Zeitdruck zu setzen, habe ich dieses Jahr keine Rückreise gebucht. Der Plan war, in Riva bzw. in Rovereto spontan nach einer Rückreisemöglichkeit zu suchen. Im schlimmsten Fall muss ich mich mit der Regionalbahn von Rovereto über den Brenner und Innsbruck bis München durchschlagen.